Die Spirale der Kränkung und Verletzung in Partnerschaften

Zwischenmenschliche Beziehungen können ein Schlachtfeld von gegenseitigen Kränkungen und seelischen Verletzungen sein. Sind sich eine oder beide Parteien nicht über die Schattenseiten ihres Fühlens, Denkens und Handelns im Klaren, kann es zu Kränkungsmustern kommen, die den anderen immer wieder verletzen und schädlich für die Beziehung sind. Typische Beziehungsdramen sind dann das Resultat einer Abwärtsspirale dieser Muster.

Nicht nur in Partnerschaften, sondern auch innerhalb der Familie, in Freundschaften und anderen Verbindungen kommt es zu seelischen Verletzungen. Im Folgenden beziehe ich mich auf Paarbeziehungen, weil Kränkungen hier häufig besonders intensiv ausgelebt werden.
In Beziehungen gibt es drei Phasen, in denen es vermehrt zu gegenseitigen Kränkungen kommen kann. Gleichzeitig birgen alle Phasen das Potential in sich, dass beide Parteien miteinander wachsen und sich die Beziehung vertiefen kann, wenn beide an der Verbindung festhalten möchten. Ich zeige hier Verläufe auf, die in der Praxis typischerweise auftauchen. Es besteht kein Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Phase I: Erste Enttäuschungen

In der Zeit nach der ersten euphorischen Verliebtheit kommt es zwangsläufig zu unvermeidbaren Enttäuschungen. Negative Seiten des Partners werden offensichtlich und können kränkend sein. Dem anderen wird eventuell nicht mehr die vermehrte Aufmerksamkeit geschenkt, vielleicht schleichen sich erste Lieblosigkeiten ein. Insgesamt kann die Achtsamkeit sinken und in vielen Fällen wird auf beiden Seiten die Verletzbarkeit des anderen nicht mehr so sensibel wahrgenommen, wie am Anfang der Beziehung.

Für das Verletzungspotential ist es nicht unerheblich, wie die Verbindung begonnen hat. Hat sich eine der Parteien beispielsweise schon in der Annährung der Beziehung zurückgewiesen, unwichtig oder auf irgendeine Art eingeschränkt gefühlt, kann es bereits zu diesem Zeitpunkt dazu kommen, dass sich Emotionen hochschaukeln und in gegenseitigen Anklagen münden. Beispielsweise wirft der eine dem anderen vor, gefühllos zu sein, während der andere sich über Empfindlichkeit beschwert.
Nicht selten sind es Bemerkungen und negative Verhaltensweisen, die unbewusst geschehen und die eine verletzliche Stelle beim anderen treffen.

Phase II: Kränkungsmuster etablieren sich

Realistischerweise können in Beziehungen nicht alle Erwartungen erfüllt werden, die wir an den anderen hegen. Das führt zu Enttäuschungen und entsprechenden Kränkungsreaktionen auf beiden Seiten, die in gewissem Maß auch Teil menschlichen Miteinanders sind. Entscheidend für den individuellen Verletzungsgrad sind das Ausmaß und die Form negativer Verhaltensweisen sowie die persönliche Bewertung daraus resultierender Konflikte.

In längeren Paarbeziehungen nimmt häufig eine Person den dominanteren Part ein, während die andere eher dazu tendiert, eigene Bedürfnisse zurückzustellen und weniger oder gar keine Grenzen zu setzen. Daraus kann sich in vielen Fällen ein Muster ergeben, bei dem einer vermehrt willentlich oder unwillentlich verletzt, der andere dahingegen keinen angemessenen Widerstand leistet. Diese Phase kann sich über einen langen Zeitraum hinziehen.

Charakterliche Eigenschaften, auch die Wesensart eines Menschen spielen dabei eine Rolle, sind aber nicht das Entscheidende. Ein Mensch kann in einer Paarbeziehung zum Beispiel eine dominante Rolle einnehmen, während er in einer Freundschaft einen anderen Part hat. Zwischenmenschliche Beziehungen sind komplexe Gefüge und müssen daher immer auch in ihrer Individualität betrachtet werden. Es gibt allerdings gewisse Kränkungsmuster, die sich in Paarbeziehungen wiederholen können.

Klassische wiederkehrende Formen der Kränkung und Verletzung in Partnerschaften

  • Schroffheit, Zicken
  • Entzug von Zuneigung, Aufmerksamkeit und Interesse, d,h. Liebesentzug. Auch in Form von Seitensprüngen, Affären
  • Belehrungen und Vorschreibungen
  • Vorwürfe
  • Überhöhte Ansprüche, Forderungen und Erwartungen
  • Beleidigungen, Beschämung
  • Kontrollverhalten
  • Demütigungen, Abwertung
  • Stummer Rückzug
  • Sich unnahbar machen
  • Gekränktes Schweigen
  • Emotionale Erpressung
  • Emotionale Manipulation (z.B. Schuldgefühle machen)
  • Sexuelle Lustlosigkeit
  • Ignoranz
  • Mauern

Ein wichtiger Unterschied beim Ausmaß bestimmter Muster ist, ob verletzendes Verhalten geschieht, weil sich eine Partei in ihrem Selbstwert bedroht fühlt (mehr dazu unter Abwehrstrategien – Programme zur Vermeidung schmerzhafter Gefühle) oder ob die Kränkungsgrenzen des anderen aus Egoismus und Egozentrik rücksichts- und empathielos ignoriert werden.

In ungesunden Paarbeziehungen kommt es häufig zu Konstellationen, in denen eine Person dauerhaft zurückhaltend, verunsichert und duldend reagiert. Sie nimmt eventuell übermäßig viel Rücksicht darauf, den anderen nicht zu kränken oder anderweitig zu reizen. Das kann bis zur Unterwürfigkeit geschehen. Dahingegen pachtet die andere Person das Vorrecht auf verletzendes Verhalten und gibt dem anderen eventuell sogar noch die Schuld dafür („Schau, wozu du mich getrieben hast!“).

Exkurs Narzissten

Stark ausgeprägt ist die letztgenannte Verhaltensweise bei den so genannten Narzissten. Diese Thematik benötigt eine eigene Betrachtung. Es sei hier kurz ausgeführt, dass Narzissten es geradezu perfekt verstehen, den anderen gezielt zu verletzen.
Menschen mit hohen narzisstischen Anteilen besitzen wenig Einfühlungsvermögen und Taktgefühl gegenüber der Verletzbarkeit anderer Menschen. Gleichzeitig setzen sie ein erhöhtes Augenmerk auf ihnen zugefügte Kränkungen. Sie teilen viel aus, können aber nichts einstecken.

Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Eigenschaften sind nicht in der Lage, Perspektivwechsel vorzunehmen und sich in die Sicht des anderen hineinzuversetzen. Narzissten sind in zwischenmenschlichen Beziehungen rücksichtslos und stellen stets sich selbst in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungsweise. Gegenüber ihrem eigenen Fehlverhalten zeigen sie weder Reflektion und Bedauern noch Schuldgefühle, geschweige denn Wiedergutmachungsversuche. Der Partner wird durch diese Haltung in eine hilflose Position gebracht und kann daran verzweifeln.
Ähnliche Eigenschaften gelten auch für Menschen mit psychopathischen Anteilen. Dies bedarf jedoch einer gesonderten Betrachtung.

An den vorher genannten Möglichkeiten, dem Partner seelische Wunden zuzufügen, wird deutlich, dass Machtkämpfe in Beziehungen eine besondere Rolle spielen können. Wie sehr Attribute von Macht und Ohnmacht in Paarbeziehungen instrumentalisiert werden, zeigt sich zum Beispiel daran, wer nach Auseinandersetzungen den ersten Schritt aufeinander zu macht und das Gespräch wieder aufnimmt. In der ungesunden Konstellation ist das nicht der dominant Verletzende, da er nach seinem Empfinden ja nicht falsch gehandelt, sondern nur der andere Schuld zu begleichen hat.

Wenn sich Gefühle und negative Erfahrungen im Miteinander über einen langen Zeitraum aufstauen und im Miteinander keine reife Kritik- und Konfliktfähigkeit entsteht, dann ist die Basis der Kommunikation stark geschädigt.

Phase III: Entscheidungsphase und Trennung/Scheidung

Die Phase des Entscheidungs- und Trennungsprozesses kann scheinbar abrupt eintreten, tatsächlich schleicht sie sich aber ein und kann sich über Jahre hinziehen. Der Trennung geht eine Entscheidungsphase voraus, die belastend ist und in der es zu vielen gegenseitigen Verletzungen kommen kann. Nicht selten werden heftige Machtkämpfe geführt, verbunden mit zahlreichen Enttäuschungen, ebenso Entwertungen des anderen. Aufgestaute und immer wiederkehrende Verletzungen, Kränkungen und Auseinandersetzungen führen irgendwann zur Desillusionierung auf einer oder beiden Seiten. Dann kann sich noch einmal entscheiden, ob die Beziehung eine neue Ebene erreicht, in der alte Wunden gemeinsam aufgearbeitet und eine neue Basis geschaffen wird.

Gefühle können sich in der Entscheidungsphase aber auch umkehren: Bewunderung wird nun zu Ablehnung, Sympathie kann sich in Verachtung wandeln und Liebe in Hass. In vielen Fällen folgt dann die Zerrüttung der Verbindung.

Nicht selten werden jetzt auch die alten Wunden wieder sichtbar, zu denen es nie eine Aussprache und Bereinigung gegeben hat. Dabei kann es zum Rollentausch kommen: Die vorher tendenziell zurückhaltende Partei übernimmt den dominierenden Part und ist jetzt der mehrfach Verletzende. In diesem Zusammenhang schimmern oft Bedürfnisse gegenseitiger Revanche oder Rache auf. Bei diesen Rollenwechseln spricht man in der psychologischen Fachsprache vom sogenannten Opfer-Täter-Reigen. Das Opfer von damals wird zum Täter. Der Täter von einst ist jetzt das Opfer und so weiter.

Es ist dann auf einer Seite irgendwann das eine falsche Wort, die eine falsche Verhaltensweise, die das Fass final zum Überlaufen bringt. Nicht selten handelt es sich dabei um Banalitäten, die nicht immer etwas mit den tieferen Ursachen der Konflikte zu tun haben brauchen. Wenn der Graben tief ist und auf einer oder beiden Seiten keine Reflektion, Eingeständnisse in eigenes Fehlverhalten und aufrichtige Entschuldigen vorhanden sind, dann besteht oft nicht mehr der Wunsch, noch weiter an der Beziehung zu arbeiten und an ihr festzuhalten. In vielen Fällen kann spätestens hier der Respekt vor dem anderen vollkommen verloren gehen. Dann folgt die feindselige Trennung vom Partner.

Die Abwendung vom anderen wird entweder stumm vollzogen, zum Beispiel weil eine Partei realisiert, dass alle Bereinigungsversuche nicht die gewünschten Resultate erbrachten, dass Erklärungen und Argumentationen unverstanden blieben und nicht zum anderen durchdringen konnten. In den meisten Fällen, vor allem bei Scheidungen, erfolgt die Distanzierung allerdings klar und deutlich, nicht selten dramatisch.

In den ersten Wochen und Monaten nach der Trennung oder Scheidung fühlen sich viele Menschen verloren und desillusioniert. Mit der langsamen Aufarbeitung vieler Verletzungen werden auch neue Kränkungen zutage gefördert, über die vorher keine Bewusstheit bestand.
Während einige Menschen gestärkt, mit besserem Realitätsbezug und größerer Toleranz gegenüber Frustrationen aus der Trennung heraus gehen, entwickeln sich bei anderen chronische Kränkungsreaktionen. Das heißt negative Gefühle in Bezug auf die Trennung werden immer wieder durch verschiedene Auslöser reaktiviert. In einigen Fällen kann es zur Verbitterung und sozialer Isolation kommen.

In vielen Fällen wirkt nicht so sehr das Verlusterlebnis an sich bei Trennungen und Scheidungen nach. Sondern häufig das geschädigte Selbstwertgefühl. Man ist enttäuscht, von sich selbst und vom Partner. Die gegenseitigen Verletzungen hallen nach und schmerzen. Nicht selten treten im Zuge von Trennungen und Scheidungen Versagens- und Schuldgefühle, auch Zweifel an sich selbst auf. Denn in den emotionalen Auseinandersetzungen wurden in vielen Fällen Verhaltensweisen an den Tag gelegt, die an sich nicht dem eigentlichen Wesen entsprechen.

Viele Gefühle und Verhaltensweisen in der Spirale gegenseitiger Kränkungen und Verletzungen sind jedoch erklärbar und haben in ihrem Kern häufig durchaus nachvollziehbare Hintergründe, die eine Erklärung, nicht immer aber eine Entschuldigung bieten können.
Wenn sich Menschen etwas tiefer mit den eigenen Schattenseiten des Fühlens, Denkens und Handelns auseinandersetzen, dann birgt die Trennung oder Scheidung eine Möglichkeit, in der eigenen Persönlichkeit zu reifen und einen sinnvollen Umgang mit Kränkungen und Verletzungen zu etablieren. Nach einiger Zeit der gesunden Verarbeitung kann die Trennung oder Scheidung dann als Teil persönlicher Lebenserfahrung integriert werden und es ist Raum für neue, bereichernde und gesunde Partnerschaften.

Im Zusammenhang mit der Spirale von Kränkungen und Verletzungen in Partnerschaften kann es zu Depressionen oder anderen Reaktionen auf seelischer und körperlicher Ebene kommen. Näheres zu den Trauerphasen nach einer Trennung finden Sie auch unter Phasen der Trauerbewältigung.

Lesen Sie hier wie Beziehungen gelingen

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