Wie erkenne ich bedenkliche Therapeuten*?

*Zur Vereinfachung des Leseflusses wurde im Text die maskuline Sprachform verwendet. Es sind sowohl weibliche als auch männliche Therapeuten gemeint.

Während meiner Arbeit als Co-Trainerin in der Hypnoseausbildung von Ärzten, Psychologen und Heilpraktikerin habe ich zum Teil große Unterschiede in Bezug auf die Haltung, Bewusstheit und Integrität verschiedener Therapeuten wahrgenommen. Klienten berichten darüber hinaus manchmal von zwiespältigen Erfahrungen, die sie mit vorherigen Therapeuten gemacht haben. Wie in jeder Branche, gibt es auch im Bereich der Psychotherapie und des Heilwesens schwarze Schafe. Für Patienten ist es daher sinnvoll, einige Merkmale dieser Anbieter zu erkennen.

Trotz erstklassiger Ausbildung, renommierter Berufslaufbahn und langjähriger Erfahrung gibt es nicht wenige Therapeuten, die einen destruktiven Umgang mit ihren Klienten pflegen. Das ist ein Nachteil für den Patienten und für seinen Therapieverlauf nicht nur hinderlich, sondern kann in einigen Fällen sowohl erheblichen Schaden auf bewusster als auch auf unbewusster Ebene bei Betroffenen anrichten.
Im Folgenden seien einige Hinweise in Bezug auf bedenkliches Verhalten gegeben:

Sexuelle Übergriffigkeit in jeglicher Form

Dieser Punkt ist nicht nur für Frauen von hoher Bedeutung. Sexuelle Andeutungen oder Anspielungen durch Worte, Blicke oder Gesten, unpassende Berührungen, die scheinbar versehentlich passieren, bis hin zu einem sexuellen Verhältnis mit Klienten, auch wenn dies im vermeintlichen Einverständnis geschieht, sind auch im therapeutischen Kontext als Missbrauch zu werten und damit eine Straftat. Ebenso ist es bedenklich, nach Beendigung der Therapie eine sexuelle Beziehung mit Klienten einzugehen.

Machtmissbrauch durch Übertragung und Gegenübertragung

Wie in jeder zwischenmenschlichen Beziehung ist die sogenannte Übertragung und Gegenübertragung ein nicht selten auftretendes Phänomen in der Patient-Therapeut-Beziehung. Das bedeutet, dass Gefühle, Erwartungen, Phantasien oder Wünsche, die eigentlich auf andere Menschen (z.B. frühere Bezugspersonen) bezogen sind, auf den Therapeuten bzw. auf den Klienten übertragen werden. Ein seriöser Therapeut ist sich dem Sachverhalt der Übertragung und Gegenübertragung bewusst, erkennt diesen und weiß darauf entsprechend zu reagieren.
Die Übertragung/Gegenübertragung kann von Therapeuten in vielfältiger Weise ausgenutzt werden. Anstatt dass der Klient an Selbstverantwortung, Eigenmächtigkeit und Vertrauen in seine Selbstheilungskräfte gewinnt, kann der Therapeut schädliche Abhängigkeiten und emotionale Verstrickungen schüren, die dazu dienen, Macht und Kontrolle über den Klienten auszuüben. Dass dies in Privatpraxen dazu genutzt werden kann, dem Klienten subtil immer weitere und unnötige Sitzungen aufzudrängen, um daraus einen finanziellen Vorteil zu erzielen, ist nur ein Beispiel.

Manipulation durch das Schüren von Ängsten

„Sie wollen doch gesund werden, oder?“. Perfide Manipulation und subtile Beeinflussung haben auch in der Therapie viele Gesichter. Allen voran werden Ängste dazu genutzt, den Patienten in eine bestimmte therapeutische Richtung zu drängen oder ihn zum Mitmachen an Therapiemethoden zu bewegen, die er für sich selbst nicht als stimmig und geeignet wahrnimmt. Das geschieht des Öfteren zum Beispiel auch in Kliniken, in denen Therapeuten eine gewisse Performance an den Tag zu legen haben oder innerhalb des Kollegenkreises untereinander wetteifern. Emotionale Manipulation von Patienten in Kliniken, in denen psychotherapeutisch gearbeitet wird, müsste an anderer Stelle noch einmal gesondert betrachtet werden.

Kommunikation und Verhaltensweisen von oben herab

Der Therapeut kommuniziert mit dem Klienten in herablassender, arroganter oder besserwisserischer Art und Weise. Der Patient hat das Gefühl, mit ihm würde im Befehlston gesprochen werden oder fühlt sich buchstäblich wie ein Kind belehrt. Direkt oder indirekt wird ihm vermittelt, dass den Aussagen und Anregungen des Therapeuten nicht widersprochen werden soll.
Diese Eigenschaften deuten auf einen ausgeprägten Narzissmus auf Seiten des Therapeuten hin und werden dazu genutzt, Kontrolle über den Klienten auszuüben sowie dem Bedürfnis des Therapeuten nach Bewunderung und Status zu dienen. Der Therapeut wertet sein Selbstwertgefühl in diesem Fall über den Klienten und sein Leiden auf. Im Kontext des Austausches über Klienten sprach ein Psychotherapeut einmal spottend von „seinen Bedürftigen“. Die Haltung des Therapeuten gegenüber seinen Patienten wurde dementsprechend deutlich

Jegliche Formen von Heilungsversprechen, Allmachtsgehabe und Vorgabe von Allwissenheit

Irreführende Versprechungen bezüglich eines Heilverfahrens sind nicht nur problematisch, sondern in Deutschland auch gar nicht erlaubt. Dass Heilung geschehen kann, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, auf die der Therapeut oder ein therapeutisches Verfahren allein keinen Einfluss haben. Methoden und Therapeuten sind im Heilungsprozess des Patienten nicht die Macher, sondern lediglich Wegweiser, die Angebote machen können. Allwissenheit und Allmacht in Bezug auf die Komplexität psychischer Gegebenheiten und seelischer Vorgänge sind darüber hinaus Aspekte, die menschlichen Wesen vorenthalten sind.

Auf der Suche nach therapeutischer Hilfe lassen sich Klienten nicht selten blenden, irritieren und verwirren. Wichtig zu erkennen: Auch Therapeuten verhalten sich entsprechend ihres Grades an innerlicher Aufgeräumtheit und Bewusstheit. Deshalb kann der Therapeut nur dann wohlwollend und klientenzentriert Raum halten für die zum Teil intensiven Emotionen und Übertragungen des Klienten, wenn er selbst gut geerdet ist und ein stabiles, solides innerliches Fundament aufweist. Er kann den Klienten also nur darin unterstützen, das zu klären, was er bereits in sich selbst bereinigt hat.

Nun ist es menschlich, dass auch jeder Therapeut phasenweise einmal aus verschiedenen Gründen unter erhöhter emotionaler Belastung stehen und dies zeitweise Auswirkungen auf seine Arbeit haben kann. Darüber hinaus trägt jeder Mensch, auch wenn er eine hohe Stabilität und Integrität besitzt, seine Lebensthemen mit sich und kann diese nicht in jedem einzelnen Augenblick innerhalb aller Patient-Therapeut-Situationen ausklammern. Der Therapeut sollte sich dessen jedoch gewahr sein und entsprechende Schritte einleiten, wenn er bei sich selbst negative Veränderungen bemerkt. Deshalb sind, auch nach jahrelanger Berufspraxis und bemerkenswerter Ausbildung des Therapeuten, Supervision und Selbsterfahrung notwendig. Optimal ist, wenn eine hohe Eigenmotivation und Bereitschaft dazu vorhanden sind, sodass sich die Frage der Verpflichtung zu Supervision und Selbsterfahrung gar nicht erst stellt.

Die stetige Eigenreflexion und Bewusstheit bezüglich des Selbst und der Umwelt sind dementsprechend Hausaufgabe von Therapeuten, um Klienten mit einer Haltung aus Objektivität, Geduld und Mitgefühl (nicht Mitleid!) begegnen zu können.

Patienten sollten ihrer eigenen Intuition vertrauen und Konsequenzen ziehen, wenn sich die Beziehung zum Therapeuten in irgendeiner Form komisch und unangenehm anfühlt oder sich der Therapeut unpassend verhält. Vor Aufnahme der Therapie sollten Honorar, Ablauf der Sitzungen sowie eine erste Einschätzung der Therapiedauer transparent gemacht worden sein. Jegliche Behandlungsabläufe bedürfen der Zustimmung des Klienten und selbstverständlich hat der Patient jederzeit das Recht, Angebote zu verweigern oder die Behandlung zu beenden.

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