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Narzisstische Beziehungen erkennen und überwinden

Jeder Mensch trifft in seinem Leben auf narzisstische Persönlichkeiten. Nicht nur in Form einer Liebesbeziehung, sondern auch innerhalb einer Freundschaft, am Arbeitsplatz oder in anderen Konstellationen. Zurück bleiben Betroffene in der Regel irritiert und verwirrt. Je nach Intensität des Kontakts entwickeln sich oft Selbstzweifel und Minderwertigkeitsgefühle oder – wenn die Beziehung lange andauerte und viel in sie investiert wurde – Erschöpfungszustände, chronische körperliche Leiden bis hin zu einer Depression.

Emotionalen und narzisstischen Missbrauch erkennen

Der Psychiater Reinhard Haller, ein Experte auf dem Gebiet des Narzissmus, beschreibt die Wesensmerkmale narzisstischer Personen mit den vier großen „E“: Egozentrizität, Empfindlichkeit, Empathiemangel und Entwertung.

Während alle diese vier zentralen Charakterzüge vorhanden sind, tritt meist einer in den Vordergrund und bestimmt das Denken, Fühlen und Handeln der Person. Jedem Menschen wohnen narzisstische Tendenzen inne. Sie sind gesund und dienen uns in einem angemessenen Rahmen als ein psychischer Motor persönlicher Entfaltung und Entwicklung.

Es ist also zu unterscheiden zwischen „narzisstischen Reaktionen“*, die wir alle an den Tag legen, aufgrund von natürlichen Kränkungen, die das Leben mit sich bringen. Das Ausmaß und die Häufigkeit narzisstischer Reaktionen sind das Ausschlaggebende, um jemanden als narzisstische Persönlichkeit zu beschreiben.

Die narzisstische Persönlichkeit verhält sich im hohen Maße rücksichts- und empathielos gegenüber den Bedürfnissen, Wünschen und Gefühlen anderer. Weil sie in dem, was sie fühlt und denkt, ganz auf die eigene Person zentriert ist. Zum Beispiel auf ihren starken Freiheits- und Unabhängigkeitsdrang, ihre vermeintliche Großartigkeit, ihre Gekränktheit oder auf ihre Macht- und Kontrollbedürfnisse.

Mangelende Kritikfähigkeit und Narzissmus

Die mangelnde Kritikfähigkeit und das Spiel von Macht- und Kontrolle innerhalb der Verbindung sind ein zentrales Thema in narzisstischen Beziehungen. Ebenso wie die offene oder stumme Abwertung und Erniedrigung sowie das Schlechtmachen und Kleinmachen des Gegenübers, seiner Neigungen, seiner Bedürfnisse, seiner Anschauungen und seiner Interessen.

Hält man Menschen mit stark narzisstischen Persönlichkeitsanteilen jedoch den Spiegel vor, ziehen sie sich oft zunächst beleidigt zurück und gehen dann aktiv oder im Stillen in die Demontage und Abwertung des Anderen über. Viel austeilen, aber selbst nichts einstecken können, ist hier Programm.

Eine nicht selten eingesetzte passive Macht- und Kontrollstrategie ist beispielsweise das gekränkte Schweigen. Schweigen bedeutet gekränkt zu sein und gleichzeitig das Gegenüber zu kränken, weil dieser kein Wort mehr wert ist. Wer gekränkt schweigt hat den Anspruch, die alleinige Kontrolle über die Nähe und Distanz in der Beziehung zu regeln, um selbst die Oberhand im Kontakt zu behalten. Damit werden in Auseinandersetzungen Missverständnisse manifestiert und gemeinsame Lösungen auf Augenhöhe unmöglich gemacht.

Fehlende Einsicht und Abgabe von Verantwortung

Narzisstische Charaktere sind, wenn es darauf ankommt, charakterschwach und feige. Sie haben nicht den Mut, Konflikten aufrichtig entgegen zu treten und gemeinsam zu Synergien zu kommen. Sie erkennen ihren Anteil am Geschehen nicht oder gestehen ihn selten bis nie offen ein. Auch konstruktive und gerechtfertigte Kritik wird meist hart abgewehrt.

Sie verstehen es auf geradezu fantastische Weise den Spieß umzudrehen und Situationen so darzustellen, als sei die Sicht des Betroffenen falsch. Bleibt dieser bei seiner Perspektive, wird er selbst als empathielos, egoistisch und selbstzentriert, Dialog ablehnend, außer sich oder unversöhnlich dargestellt. Dabei werden zentrale Zusammenhänge und die Hintergründe verdreht, ignoriert oder ganz ausgeblendet.

Narzisstische Persönlichkeiten übertragen ihre eigenen blinden Flecke auf ihr Gegenüber und die Umwelt, während eigene Anteile am Geschehen verleugnet werden. Dies oft auf perfide und subtile Art und Weise, die den anderen mit Schuldgefühlen scheinbar hilf- und machtlos zurücklässt. Narzisstische Charaktere sind Meister der emotionalen und unterschwelligen Manipulation bei gleichzeitiger künstlicher Selbstaufwertung.

Dabei geben Sie die Verantwortung für ihr Handeln oft gänzlich ab. So werden der Seitensprung, die verpasste freundschaftliche Solidarität oder hinterlistige Aktionen auf die Unzulänglichkeiten und Fehler des Anderen geschoben. „Hätte er oder sie sich nicht so egoistisch, unwissend, undurchsichtig, gemein verhalten, dann…“. Grundsätzlich sei es nur verständlich, dass man so denken, fühlen und entsprechend reagieren würde. Eigene Schwächen und Baustellen zuzugeben, vor allem vor anderen, käme ihnen letztlich einer Enttarnung und Vernichtung gleich.   

Während narzisstische Persönlichkeiten selbst Entschuldigungen und Verständnis im hohen Maße einfordern, wird man dies von ihnen nicht erhalten.

Narzisstische Beziehungen verarbeiten   

Auch starke Charaktere, die über ein gesundes Selbstwertgefühl verfügen, können in eine narzisstische Beziehung geraten. Schnell beginnen wir in der Gegenwart narzisstischer Persönlichkeiten eine Rolle zu spielen.

Denn jeder Mensch spürt einerseits eine gewisse Besonderheit des Narzissten. Eine Aura, die Interesse weckt und zu Bewunderung führen kann. Gleichzeitig ist auf anderer Ebene sofort die hohe Kränkbarkeit und zum Teil stumme Anerkennungssucht wahrnehmbar, der man geneigt ist, sich auf verschiedenste Art und Weise anzupassen oder unterzuordnen, will man die Harmonie wahren und den Kontakt sowie vermeintliche Benefits des Kontakts nicht gefährden.

Was dabei jedoch zurückgestellt wird, ist immer das eigene Selbst und die persönliche Authentizität. Im Extremfall bis zur Selbstaufgabe. Kontakt mit narzisstischen Personen führt stets zu Irritation und Verwirrung. Auf Dauer zu Schuldgefühlen oder permanenten Selbstzweifeln. Denn die Saat des Zweifels wird unterschwellig gesetzt und kann immer wieder aufkeimen. Narzisstische Beziehungen bedeuten immer Energieverlust.

Durch langjährigen emotionalen Missbrauch kann ein zerrüttetes Selbstwertgefühl zurückbleiben, das latente Minderwertigkeitsgefühle beinhaltet. Viele Opfer schweren narzisstischen Missbrauchs geraten immer wieder in Erschöpfungszustände, im weiteren Verlauf in die Depression oder haben psychosomatische Leiden.

Bei der Verarbeitung narzisstischer Beziehungen braucht es in der Regel professionelle Unterstützung. Zunächst ist es nötig, die Verhaltensweisen und Manipulationsmittel von narzisstischen Charakteren zu erkennen und sich aus dem Kontakt zu distanzieren.

Daraufhin ist es wichtig, sich die eigenen Reaktionsweisen vor Augen zu führen und persönliche Abwehrstrategien zu ergründen. Im nächsten Schritt sollte die Frage gestellt werden, was man in der Verbindung zu der narzisstischen Persönlichkeit konkret gesucht hat. Welche Lücke sollte hier gefüllt werden? Und wie lässt sich diese mit Unterstützung aus dem eigenen Inneren heraus angemessen schließen?    

Ungeheilte Wunden, persönliche Schattenseiten und blinde Flecken Schritt für Schritt aufdecken und auf verschiedenen Ebenen heilen. Das Wissen wertschätzen, das durch die Erfahrungen im Kontakt mit narzisstischen Persönlichkeiten entstanden ist. Die eigenen Grenzen wahren, auch wenn die Neugier größer erscheint. Das ist die beste Prävention und Möglichkeit der Abschottung gegen narzisstische Charaktere.

Die meisten Menschen, die Erfahrungen mit narzisstischen Persönlichkeiten gemacht haben, finden sich in der ein oder anderen Strophe von Herbert Grönemeyers Lied „Kein Verlust“ wieder.

Kein Verlust

Hast lange gelauert
Auf deinen großen Sprung
Hast mich vorne bedauert
Mich verleugnet hintenrum
In meiner schwächsten Sekunde
Deinen Dolch nicht mehr versteckt

Hast auch zugetreten
Die Gelegenheit benutzt
Mitgefühl geheuchelt
Mich runtergeputzt
Aus mir Kapital geschlagen
Für deinen Vorteil verkauft

Hast Erinnerungen hochgehalten
Auf mein Sentiment gebaut
Um mich gekümmert nach Plan
Längst die Seiten getauscht
Meine Karten verraten
Am anderen Tisch

Mich mit alten Zeiten geblendet
Dein linkes Spiel gespielt
Endlich nach deinen Regeln
Dich wie der König gefühlt
In deinem Rausch übersehen
Für dich war’s ’ne Nummer zu groß

Hast auf’n Freund gemimt
Dabei nur gelitten
Hab‘ den Neid nun vergessen
Bei jedem neuen Tritt
Hast mich zum Fraß vorgeworfen
Als ich schon längst nicht mehr stand
Hast meine Schwäche genossen
Dein endlicher Kampf
Dir ging es nur noch um’s Messen
Du bist kein Verlust

Für mich warst du nie Gegner
Hab dir tausendprozentig vertraut
Dir alles erzählt
Vor dir Intimstes aufgetaut
Hab dich vielleicht zwanghaft
Mit ’nem Heiligenschein versehen
Hatte nie Probleme
Wer nimmt und wer gibt
Nie rivalisiert
Diese Sicherheit versiebt
Das Leben ist härter
Wir haben die Unschuld verloren

Hast dir auf die Zunge gebissen
Die Lippen verspannt
Und vom Ehrgeiz zerrissen
Nie was beim Namen genannt
Hast mich still erduldet
Immer Haltung bewahrt
Auf deine Gelegenheit gewartet
Sie sofort genutzt, knallhart
Dir ging’s nur noch um’s Messen
Du bist kein Verlust


Herbert Grönemeyer

Buchempfehlungen
„Die Narzissmusfalle“, Reinhard Haller

„Wie schleichendes Gift. Narzisstischen Missbrauch in Beziehungen überleben und heilen“, Christine Merzeder

*Narzisstische Reaktionen:
Wenn wir innerlich unsicher sind oder Angst haben, wenn wir kritisiert werden, uns bedroht fühlen oder niedergemacht werden – was auf jeden Menschen in der ein oder anderen Situation zutreffen kann -, dann ist es eine natürliche, wenngleich unbewusste, menschliche Verhaltensweise, basierend auf dem Ego zu reagieren.

Eine Möglichkeit ist es in diesen Fällen, dass wir unsere Bedeutung über andere erhöhen oder uns herausheben wollen aus dem Durchschnittlichen. Je nach emotionaler „Reife“ sind wir jedoch in der Lage und auch gewillt diese Reaktion zu reflektieren. Und sehen dann, dass wir alle tatsächlich in einer Scheinwelt leben, die auf unseren persönlichen Vorstellungen und Erwartungen, Erfahrungen und Projektionen beruht.

Diese Reflektion ist der narzisstischen Persönlichkeit so nicht möglich, weil zentrale Aspekte eigener Ängste und Unsicherheiten stark abgewehrt werden und dadurch nicht ins Bewusstsein gelangen könne. Also entsprechend unbewusst bleiben. Dadurch ist keine Veränderung im Verhalten möglich.

Photo:
Inga Gezalian