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Emotionaler Kontrollverlust und Bindungsangst

In einer Bekanntschaft oder innerhalb einer Partnerschaft erleben es Frauen und Männer oft immer wieder, fallen gelassen und auf sich selbst zurückgeworfen zu werden. Dies ist meist verbunden mit Ohnmachtsgefühlen und dem Empfinden, die Kontrolle über die eigenen Emotionen zu verlieren. Und weder Macht über die eigenen Gefühle und Gedanken zu haben noch Einfluss auf den weiteren Verlauf der Verbindung nehmen zu können. In diesen ungesunden Beziehungen lassen sich spezifische Phasen feststellen, die sich wie eine Art Teufelskreis wiederholen können.

Phase 1: Große Gefühle

Bereits in der Kennenlernphase spüren beide oder einer von beiden eine starke Anziehungskraft zueinander. Es entsteht der Eindruck, als würde man sich schon ewig kennen. Schnell können sehr leidenschaftliche Gefühle und große Verliebtheit entstehen.

Einige Menschen glauben in diesem Zusammenhang ihren „Seelenpartner“ gefunden zu haben, denn die Verbindung erweckt den Anschein, als ob der andere das passende Gegenstück sei.

In der Regel ist einer von beiden eher gefühlsbasiert, während der andere mehr verstandesorientiert ist. Auf sexueller Ebene werden nicht selten berauschende Erfahrungen gemacht, die das Verliebtheitsgefühl weiter steigern und nähren.

Stufe 2: Rückzug des Partners

Nach besonders nahen und intensiven Begegnungen distanziert sich einer von beiden abrupt und ohne weitere Erklärungen. Er/sie ist nicht mehr verfügbar (physisch, emotional, energetisch).
Der Beziehungsvermeider hat zum Beispiel viel Arbeit oder viel zu tun, muss mehr auf die Freunde achten, braucht mehr Raum. Er/sie schaltet ab, geht buchstäblich offline und zieht sich spürbar gefühlsmäßig aus der Verbindung heraus, obwohl die Nähe davor zugelassen wurde und die Verbundenheit zueinander real spürbar war.

In der Regel tendieren immer noch eher Frauen daraufhin dazu, den aktiven Part zu übernehmen. Sie beginnen dann, viel für den anderen zu tun und „hinterher zu laufen“.  
So verfallen sie zum Beispiel in intensive Fürsorge- und Hilfsbereitschaft. Sie bemuttern den Mann und versuchen ihm das eigene Handeln genauso wie den eigenen Beitrag und die Verantwortung für das Miteinander abzunehmen (Krankenschwester-/Helfersyndrom).

Dabei kreisen die Gedanken um ihn und seine Bedürfnisse und Wünsche. Allein oder mit Freundinnen wird sein Verhalten analysiert. Findet sich eine scheinbare Erklärung, entschuldigen und erklären sie das Verhalten immer wieder vor sich selbst und vor anderen. Oft lassen sie auch den Partner an ihren psychologischen Überlegungen teilhaben und versuchen ihm, zu erklären warum er sich so verhält. Nicht selten stimmt er dann zu, verändert sein Verhalten aber nicht.

Insbesondere Frauen vernachlässigen in ungesunden Partnerschaften ihre eigenen Bedürfnisse und Ziele

Ebenso wird auf verschiedenste Art und Weise versucht, die Attraktivität zu steigern, um den anderen wieder näher an sich zu binden. Um gefallen zu wollen, geben sich Frauen dann vermeintlich wild, frei und unabhängig, besonders intellektuell oder aber mädchenhaft. Je nachdem, welche (meist unbewussten) Wünsche sie bei dem Mann auf tieferer Ebene intuitiv erspüren oder was sie glauben, zu wissen. Oder Frauen heben in klischeehafter Weise besonders weibliche Attribute hervor und haben eine schnelle Bereitschaft zum Sex oder ausgefallenen sexuellen Handlungen.

Insbesondere Frauen werden in ungesunden Beziehungen auf Dauer passiv in Hinblick auf ihre eigenen Erwartungen und Bedürfnisse. Sie stellen ihren Wunsch nach Nähe und Geborgenheit zurück. Oft auch ihre Begabungen, Talente sowie persönliche Ziele und die Forderung nach einer gemeinsamen Beziehungsgestaltung auf Augenhöhe.

Weil dafür kein Raum ist, bringen sie darüber hinaus die Freude über den anderen und über die Gefühle für den anderen nicht so zum Ausdruck, wie sie es eigentlich gerne möchten und empfinden. Denn sie spüren, dass der andere diese auf tieferer Ebene nicht erhalten will und tatsächlich nicht (aus-)halten kann. So stoßen sie folglich immer wieder auf Abwehr und Ablehnung.

Frauen machen sich durch diese Verhaltensweisen nicht nur unattraktiv, sondern sie entwerten und entwürdigend sich damit selbst. Diese Mechanismen können im Laufe der Zeit selbstzerstörerisch sein und in Selbstwertverlust und Depressionen führen.

Die oben beschriebenen Mechanismen gelten wahrscheinlich im gleichen Maße auch für Männer. Frauen berichten aber häufiger öffentlich darüber und die Handlungsstrategien von Männern sind nicht dieselben wie bei Frauen.

Phase 3: Der Teufelskreis

Sobald der Kontakt wiederhergestellt ist, besteht erneut eine große Anziehungskraft, Vertrautheit, Gefühle der Verliebtheit bis hin zu Liebe und tiefer Verbundenheit, die durchaus real und in dem Moment auch für beide spürbar sind. Bis sich einer wieder auf die ein oder andere Weise abrupt entzieht.

Derjenige, der vermehrt die Verbindung kappt, bestimmt als alleiniger über Nähe und Distanz in der Verbindung. Eine echte Begegnung und dauerhaft erfüllende Beziehung werden so unmöglich.
Die Beziehung kann nicht auf die nächste Stufe gehoben werden, weil kein echtes Gefühl tiefer Zuneigung, keine echte Nähe, Verbundenheit und Geborgenheit zugelassen werden und wachsen können. Denn diese entwickeln sich durch Beständigkeit und dadurch, dass sich beide aufeinander verlassen und vertrauen können. Erst wenn die ehrliche Zuwendung des anderen auch über Jahre hinweg erfahren wird, entsteht gemeinsames verantwortungsvolles Handeln und so wird es erst möglich, partnerschaftlich durchs Leben zu gehen.


Das Beschriebene On und Off gleicht einer emotionalen Achterbahnfahrt, die für Betroffene extrem erschöpfend ist und instabil macht. Intensive Momente von Nähe und Verbundenheit wechseln sich ab mit Gefühlen großer Einsamkeit und Ängsten, nicht richtig zu sein und zurück gelassen zu werden.

Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühle

Männer und Frauen fühlen sich dem Rückzug des anderen früher oder später ohnmächtig und hilflos ausgeliefert. Sie werden immer wieder emotional frustriert, hängen in der Luft und der Alltag ist davon bestimmt, zwanghaft an den anderen und die Beziehung zu denken. Ständig zu grübeln, was die Ursachen des Rückzugs sein könnten, was sie bloß falsch gemacht haben, wann er/sie sich wieder melden wird und wie sie die Nähe wiederherstellen können.

Nicht nur Frauen, auch Männer beginnen dann beim anderen nachzubohren, anzuklagen oder zu jammern und wollen verständlicherweise, dass sich der andere endlich festlegt. Tut er dies zeitweilig, beginnt das Szenario wieder von vorne. Es ist ein unbewusstes Spiel von Macht- und Kontrolle, das beide Beziehungspartner auslaugt.

Die emotionale Achterbahnfahrt wird mit Liebe verwechselt

Doch dieses Auf und Ab wird bei vielen Menschen mit Liebe verwechselt. Und gerade die tiefen gemeinsamen Momente und Erfahrungen geben immer wieder einen neuen Kick und verleiten zu der Hoffnung und einem vermeintlichen Sicherheitsgefühl, dass die Liebe doch eigentlich da ist und dass es jetzt anders wird.

Es wird jedoch nicht anders und die Entscheidung des Anderen, sich endlich final zu der Beziehung zu bekennen oder mehr einzubringen, das Herz für den Anderen vollständig zu öffnen, wird immer wieder in die Zukunft verschoben.

Phase 4: Es gibt kein Happy End

Entweder beendet derjenige, der sich in der unterlegenen Position fühlt die Beziehung, weil er energetisch ausgelaugt ist und nicht mehr hinterlaufen und Abweisungen, Verletzungen nicht mehr zulassen will und die Kontrolle über das eigene Leben wieder übernimmt. Bis es dazu kommt, kann es nur einige Wochen oder Jahrzehnte dauern.

Der Beziehungsabbruch demütigt und verletzt den Zurückgelassenen und ist damit verbunden, dass nun der Verlassene auf sich selbst zurückgeworfen ist. Dies kann wiederum dann bei diesem zum emotionalen Kontroll- und Machtverlust führen. Und nicht selten beginnt dann er um die Beziehung zu kämpfen, sodass sich die Rollen tauschen. 

Oder der Bindungsvermeider beendet die Beziehung und lässt den anderen zurück. Mehr zu den verschiedenen Szenarien siehe auch die Spirale der Kränkung und Verletzung in Partnerschaften.

In diesen toxischen Beziehungen gibt es kein Happy End. Denn der Hintergrund sind Verlustängste und Bindungsangst, die eine verbindliche Beziehung auf Augenhöhe verhindern.

Es hilft die Hauptursachen zu erkennen und zu verstehen. Um sie zu lösen, ist es jedoch nötig, sich mit seiner eigenen Geschichte zu erfahren und zu verstehen und in diesem Prozess tiefe Verletzungen und Kränkungen Schritt für Schritt zu lösen und das größere Bild zu verstehen. Durch diesen Heilprozess werden harmonische, liebevolle und dauerhafte Beziehungen möglich.